Malte Probst antwortet ohne Zögern.
„Der Markt ist tot“, sagt der Firmensprecher des
Start-up-Unternehmens datango auf die Frage nach der
Situation der Berliner-Internet und IT-Branche. „Dafür
allerdings“, so beeilt er sich hinzuzufügen, „ geht es uns
noch ziemlich gut“.
Für das Internet-Navigationssystem,
das datango entwickelt hat, habe man im In- und Ausland Kunden
gewinnen können. Probst klingt trotzdem angeschlagen. Kein
Wunder. Denn in der Berliner New Economy-Szene herrscht
Katerstimmung. Viele Start-ups aus dem Bereich
Informationstechnologie und Internetdienstleistung sahen sich
im Laufe dieses Jahres gezwungen, Insolvenz anzumelden.
Namen wie snacker.de und fool.de sind aus dem
Handelsregister gestrichen. Und auch der gestandene
Multimediariese Pixelpark musste wegen schlechter
Auftragslage und Börsencrash am Neuen Markt kräftig
runterfahren – sprich Mitarbeiter entlassen. Das Zauberwort
Expansion wagt folglich derzeit niemand auszusprechen. Aber
sieht es tatsächlich so katastrophal aus in der Berliner New
Economy? Oder ist alles halb so wild, folgt jetzt nur auf den
Hype die Lust an der Krise?
Zumindest die Zahlen des Landesarbeitsamtes geben der
Unruhe Recht. Innerhalb eines Jahres ist die Arbeitslosenzahl
in der Berliner der IT-Branche von 2.107 auf 2.974, also um
gut 40 Prozent gestiegen. Und mit 249 Arbeitsangeboten Anfang
August bieten die Arbeitsämter der Stadt rund 30 Jobs weniger
an als im letzten Jahr zur gleichen Zeit.
„Halten Sie weiterhin Kontakt zur Branche“, lautete dann
auch der gutgemeinte Tipp, den Michael Alzen* bei seinem
Beratungsgespräch erhielt. Alzen gehört zu denjenigen, die es
kalt erwischt hat – er bekam die Kündigung unerwartet
aufgetischt. Dabei war der erfahrene Kommunikationsdesigner
erst im September 2000 zum Start-up WorkXL gestoßen.
Massig Kündigungen Zuvor hatte Alzen in einem
anderen Start-up gearbeitet und zwar gern. Doch eine
Siebentage-Woche mit 18 Stunden täglich waren dem frisch
gebackenen Vater dann doch zu viel. Bei WorkXL sollte das
besser werden. Einen Elfstunden-Tag und freie Wochenenden bei
gutem Gehalt sagte ihm die Firma zu, die mit Kapitaleinlagen
anderer Unternehmen (Venture Capital) eine
Dienstleistungsplattform für mittelständische Unternehmen im
Internet aufgebaut hat.
Umsätze, so Alzen, wurden in der Zeit seiner Beschäftigung
allerdings nicht gemacht. Ob sie überhaupt jemals gemacht
werden, bezweifelt er inzwischen. „Die Party ist vorbei.
Investoren zu finden, die Kapital nachschießen, ist schwer
geworden. Deshalb haben Start-ups, die nicht umsatzorientiert
handeln, kaum noch eine Chance.“
Völlig überraschend erhielt Anfang des Jahres auch
Christian Veh seine Kündigung, der als Redakteur bei fool.de
arbeitete, einem Internet-Beratungsservice für Geldanlagen.
Allerdings wurde nicht nur er, sondern gleich das ganze
Unternehmen abgewickelt. Heute kann Veh, der einen neuen Job
in der Branche hat, nur den Kopf über die Blauäugigkeit
schütteln, mit der bei fool.de Einnahmevermeidungsarbeit
geleistet wurde.
Neue Bescheidenheit Solche kritischen Töne waren
im letzten Jahr noch selten von Mitarbeitern aus der
Start-up-Szene zu hören. Da schwärmten sie noch vom Boom und
der goldenen Zukunft der Branche. Wer Anlass zur Klage und
Kritik sah, verhielt sich eher still. Dafür üben sich jetzt
diejenigen, die allen Grund zum Jubeln hätten, in vornehmem
Schweigen.
Bei myToys.de, einem äußerst erfolgreichen
E-Commerce-Unternehmen rund ums Kind, hält man sich –
zumindest was Auskünfte über Mitarbeiterzahlen und
Umsatzsteigerung betrifft – zurück. Als könnte allein das
Reden über den Erfolg den Erfolg schon zerstören. Es sei nicht
gut für das Unternehmen, in einem Atemzug mit den Verlierern
der Branche genannt zu werden, lautet die Erklärung. Dass
myToys.de sogar vor dem allseits gefürchteten Sommerloch
verschont geblieben ist, findet man aber dennoch fast
unheimlich.
Unheimlich ist auch die neue Bescheidenheit. Firmen wie
myToys.de könnten mächtig stolz sein, sind sie doch der Beweis
dafür, dass man trotz Konjunkturflaute mit einer guten Idee
und einem Einnahme orientierten Geschäftssinn sehr wohl
bestehen kann.
Dass Umsätze das A und O für die Marktbeständigkeit einer
Firma sind, weiß auch Thomas Wengel. Seine Firma, die mit zwei
Partnern und Eigenkapital gegründet wurde, bietet
Internetlösungen für den Mittelstand an. Sie firmiert mit noch
drei weiteren Teilunternehmen unter dem Namen „Punkt Punkt
Komma Strich“ in der Oberbaum-City und hat von Beginn an
Umsatz gemacht. „Wahrscheinlich sind wir deshalb von der Krise
nicht betroffen. Bei uns läuft es nicht schlechter als im
letzten Jahr“, so die Auskunft von Wengel.
Anlass zu Optimismus gibt auch die Studie des
Forschungsprojekts e-startup.org der European Business
School von Anfang April. Demnach ist Berlin nach München der
attraktivste Standort für die Internet- und Multimediabranche.
Der seinerzeit noch amtierende Wirtschafts- und
Technologiesenator Wolfgang Branoner (CDU) sah dieses Ergebnis
in der Zahl der Berliner Internet- und Multimedia-Unternehmen
bestätigt, die innerhalb eines Jahres bis zum Frühling 2001
von 450 auf knapp 900 angestiegen ist.
Obwohl aktuelle Angaben über An- und Abmeldungen zur Zeit
nicht vorliegen, ist es höchst wahrscheinlich, dass diese Zahl
wieder rückläufig ist. Allerdings sagen Firmenzahlen noch
nichts über den wirtschaftlichen Erfolg aus – viele der
gescheiterten Start-ups haben einfach nur Venture Capital
verbrannt.
Prognose: Aufschwung Dennoch: Nach wie vor wird
in den Standort Berlin investiert. Das zeigt die Bilanz des
Bundesverbandes Deutscher Kapitalgeber für das erste Halbjahr
2001. In die Hauptstadt flossen 95,43 Millionen Mark
Bruttoinvestitionen, wobei der Bärenanteil auf
Kommunikationstechnologie und Software entfiel. Allerdings
dominieren dabei vor allem Expansionsfinanzierungen.
Auch Bernd Hardes, Geschäftsführer des Berliner
Venture-Capital-Unternehmens Econa, rechnet durchaus mit einer
Entspannung der Marktlage, allerdings erst im zweiten Halbjahr
2002. Ron Hillmann, umtriebiger Kenner der Szene und derzeit
beim ebenfalls florierenden Internet-Portal
ImmobilienScout24 aktiv, ist noch optimistischer.
„Selbst wenn es gerade nicht danach aussieht: Die eigentliche
Gründerwelle steht noch bevor.
High Technology und Wissensprodukte sind nach wie vor die
Zukunft. In diesem Markt schlummern die größten
Wachstumspotentiale der Wirtschaft. Investoren, die jetzt
antizyklisch investieren, treffen die richtige Entscheidung“.
Dass es keinen Grund gibt, den Kopf in den Sand zu stecken,
findet auch Michael Alzen. Er ist zuversichtlich, dass sein
Geld bald nicht mehr vom Arbeitsamt kommt. Alzen fragt im
Bekanntenkreis, ob jemand von offenen Stellen gehört hat, und
besucht Veranstaltungen der Szene. Und wenn alles nichts
hilft: Die Möglichkeit, mit Freunden eine neue Firma zu
gründe, gibt es ja auch noch. Informationen aus der Branche
sowie Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen, Linklisten zu
Jobbörsen und zahlreiche Tipps zu Unternehmensgründungen unter
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