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  07.09.2001
Nach dem digitalen Crash
Die Medienwirtschaft sucht neue Wege

Von Katja Stopka
Malte Probst antwortet ohne Zögern. „Der Markt ist tot“, sagt der Firmensprecher des Start-up-Unternehmens datango auf die Frage nach der Situation der Berliner-Internet und IT-Branche. „Dafür allerdings“, so beeilt er sich hinzuzufügen, „ geht es uns noch ziemlich gut“.

Für das Internet-Navigationssystem, das datango entwickelt hat, habe man im In- und Ausland Kunden gewinnen können. Probst klingt trotzdem angeschlagen. Kein Wunder. Denn in der Berliner New Economy-Szene herrscht Katerstimmung. Viele Start-ups aus dem Bereich Informationstechnologie und Internetdienstleistung sahen sich im Laufe dieses Jahres gezwungen, Insolvenz anzumelden.

Namen wie snacker.de und fool.de sind aus dem Handelsregister gestrichen. Und auch der gestandene Multimediariese Pixelpark musste wegen schlechter Auftragslage und Börsencrash am Neuen Markt kräftig runterfahren – sprich Mitarbeiter entlassen. Das Zauberwort Expansion wagt folglich derzeit niemand auszusprechen. Aber sieht es tatsächlich so katastrophal aus in der Berliner New Economy? Oder ist alles halb so wild, folgt jetzt nur auf den Hype die Lust an der Krise?

Zumindest die Zahlen des Landesarbeitsamtes geben der Unruhe Recht. Innerhalb eines Jahres ist die Arbeitslosenzahl in der Berliner der IT-Branche von 2.107 auf 2.974, also um gut 40 Prozent gestiegen. Und mit 249 Arbeitsangeboten Anfang August bieten die Arbeitsämter der Stadt rund 30 Jobs weniger an als im letzten Jahr zur gleichen Zeit.

„Halten Sie weiterhin Kontakt zur Branche“, lautete dann auch der gutgemeinte Tipp, den Michael Alzen* bei seinem Beratungsgespräch erhielt. Alzen gehört zu denjenigen, die es kalt erwischt hat – er bekam die Kündigung unerwartet aufgetischt. Dabei war der erfahrene Kommunikationsdesigner erst im September 2000 zum Start-up WorkXL gestoßen.

Massig Kündigungen
Zuvor hatte Alzen in einem anderen Start-up gearbeitet und zwar gern. Doch eine Siebentage-Woche mit 18 Stunden täglich waren dem frisch gebackenen Vater dann doch zu viel. Bei WorkXL sollte das besser werden. Einen Elfstunden-Tag und freie Wochenenden bei gutem Gehalt sagte ihm die Firma zu, die mit Kapitaleinlagen anderer Unternehmen (Venture Capital) eine Dienstleistungsplattform für mittelständische Unternehmen im Internet aufgebaut hat.

Umsätze, so Alzen, wurden in der Zeit seiner Beschäftigung allerdings nicht gemacht. Ob sie überhaupt jemals gemacht werden, bezweifelt er inzwischen. „Die Party ist vorbei. Investoren zu finden, die Kapital nachschießen, ist schwer geworden. Deshalb haben Start-ups, die nicht umsatzorientiert handeln, kaum noch eine Chance.“

Völlig überraschend erhielt Anfang des Jahres auch Christian Veh seine Kündigung, der als Redakteur bei fool.de arbeitete, einem Internet-Beratungsservice für Geldanlagen. Allerdings wurde nicht nur er, sondern gleich das ganze Unternehmen abgewickelt. Heute kann Veh, der einen neuen Job in der Branche hat, nur den Kopf über die Blauäugigkeit schütteln, mit der bei fool.de Einnahmevermeidungsarbeit geleistet wurde.

Neue Bescheidenheit
Solche kritischen Töne waren im letzten Jahr noch selten von Mitarbeitern aus der Start-up-Szene zu hören. Da schwärmten sie noch vom Boom und der goldenen Zukunft der Branche. Wer Anlass zur Klage und Kritik sah, verhielt sich eher still. Dafür üben sich jetzt diejenigen, die allen Grund zum Jubeln hätten, in vornehmem Schweigen.

Bei myToys.de, einem äußerst erfolgreichen E-Commerce-Unternehmen rund ums Kind, hält man sich – zumindest was Auskünfte über Mitarbeiterzahlen und Umsatzsteigerung betrifft – zurück. Als könnte allein das Reden über den Erfolg den Erfolg schon zerstören. Es sei nicht gut für das Unternehmen, in einem Atemzug mit den Verlierern der Branche genannt zu werden, lautet die Erklärung. Dass myToys.de sogar vor dem allseits gefürchteten Sommerloch verschont geblieben ist, findet man aber dennoch fast unheimlich.

Unheimlich ist auch die neue Bescheidenheit. Firmen wie myToys.de könnten mächtig stolz sein, sind sie doch der Beweis dafür, dass man trotz Konjunkturflaute mit einer guten Idee und einem Einnahme orientierten Geschäftssinn sehr wohl bestehen kann.

Dass Umsätze das A und O für die Marktbeständigkeit einer Firma sind, weiß auch Thomas Wengel. Seine Firma, die mit zwei Partnern und Eigenkapital gegründet wurde, bietet Internetlösungen für den Mittelstand an. Sie firmiert mit noch drei weiteren Teilunternehmen unter dem Namen „Punkt Punkt Komma Strich“ in der Oberbaum-City und hat von Beginn an Umsatz gemacht. „Wahrscheinlich sind wir deshalb von der Krise nicht betroffen. Bei uns läuft es nicht schlechter als im letzten Jahr“, so die Auskunft von Wengel.

Anlass zu Optimismus gibt auch die Studie des Forschungsprojekts e-startup.org der European Business School von Anfang April. Demnach ist Berlin nach München der attraktivste Standort für die Internet- und Multimediabranche. Der seinerzeit noch amtierende Wirtschafts- und Technologiesenator Wolfgang Branoner (CDU) sah dieses Ergebnis in der Zahl der Berliner Internet- und Multimedia-Unternehmen bestätigt, die innerhalb eines Jahres bis zum Frühling 2001 von 450 auf knapp 900 angestiegen ist.

Obwohl aktuelle Angaben über An- und Abmeldungen zur Zeit nicht vorliegen, ist es höchst wahrscheinlich, dass diese Zahl wieder rückläufig ist. Allerdings sagen Firmenzahlen noch nichts über den wirtschaftlichen Erfolg aus – viele der gescheiterten Start-ups haben einfach nur Venture Capital verbrannt.

Prognose: Aufschwung
Dennoch: Nach wie vor wird in den Standort Berlin investiert. Das zeigt die Bilanz des Bundesverbandes Deutscher Kapitalgeber für das erste Halbjahr 2001. In die Hauptstadt flossen 95,43 Millionen Mark Bruttoinvestitionen, wobei der Bärenanteil auf Kommunikationstechnologie und Software entfiel. Allerdings dominieren dabei vor allem Expansionsfinanzierungen.

Auch Bernd Hardes, Geschäftsführer des Berliner Venture-Capital-Unternehmens Econa, rechnet durchaus mit einer Entspannung der Marktlage, allerdings erst im zweiten Halbjahr 2002. Ron Hillmann, umtriebiger Kenner der Szene und derzeit beim ebenfalls florierenden Internet-Portal ImmobilienScout24 aktiv, ist noch optimistischer. „Selbst wenn es gerade nicht danach aussieht: Die eigentliche Gründerwelle steht noch bevor.

High Technology und Wissensprodukte sind nach wie vor die Zukunft. In diesem Markt schlummern die größten Wachstumspotentiale der Wirtschaft. Investoren, die jetzt antizyklisch investieren, treffen die richtige Entscheidung“.

Dass es keinen Grund gibt, den Kopf in den Sand zu stecken, findet auch Michael Alzen. Er ist zuversichtlich, dass sein Geld bald nicht mehr vom Arbeitsamt kommt. Alzen fragt im Bekanntenkreis, ob jemand von offenen Stellen gehört hat, und besucht Veranstaltungen der Szene. Und wenn alles nichts hilft: Die Möglichkeit, mit Freunden eine neue Firma zu gründe, gibt es ja auch noch.
Informationen aus der Branche sowie Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen, Linklisten zu Jobbörsen und zahlreiche Tipps zu Unternehmensgründungen unter

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